Tumorbedingte Fatigue und die Bedeutung körperlicher Bewegung

Tumorbedingte Fatigue und die Bedeutung körperlicher Bewegung

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Mit großem Dank an Steve Pake, der dieses Blog ursprünglich auf seiner Website schrieb. Seine vorige Geschichte über seinen vier Jahre dauernden Kampf, um seinen Körper zurückzubekommen, findest Du hier.

Dies ist ein anderes Blog von Steve Pake.

Chronische Müdigkeit war die größte körperliche Herausforderung, der ich mich nach der Krebserkrankung stellen musste. Monate von beinahe tödlicher Vergiftung durch Chemokuren und Versuche, die Krebszellen mit Bestrahlungen abzutöten, haben meinen Körper unglaublich erschöpft. Ganz zu schweigen von den Operationen, bei denen Körperteile bis zur Unkenntlichkeit zerschnitten und wieder aneinander genäht wurden. Mein Körper wurde im Kampf gegen den Krebs unvorstellbar belastet. Der Umfang von Genesung und körperlichem Aufbau ist gigantisch. Das alles erfordert sehr viel mehr Ruhe. Vor der Krebserkrankung habe ich pro Nacht 6-7 Stunden geschlafen, danach waren es 9-10 Stunden. Wenn ich weniger Schlaf bekam, war der nächste Tag sofort unerträglich. Meine Kondition ging zurück. Ich musste meine tägliche körperliche Aktivität neu einteilen, weil ich sonst überhaupt keine Energie mehr gehabt hätte. Das war für mich nicht ganz einfach. Ich wollte nach der Krebserkrankung das bestmögliche Leben führen und gleichzeitig meine vierköpfige Familie managen.

Ungefähr zwei Jahre nach meinem Kampf gegen den Krebs und lange nachdem die Schmerzen von Operationen und Komplikationen endlich abgeklungen waren, bemerkte ich eine bis dahin nicht gekannte Form der Müdigkeit. Mir wurde klar, dass ich in meinem ganzen Körper Schmerzen und ein brennendes Gefühl hatte, was ich vor der Krebserkrankung nicht kannte. Und es hörte auch nie wirklich auf. Alle fanden, dass ich gut aussah, Haare und Farbe waren wieder da und ich hatte es geschafft, ein bisschen von dem zugenommenen Gewicht wieder abzunehmen. Nur ich selbst konnte die Schmerzen in jedem Muskel meines Körpers fühlen – trotz der Jahre, die ich mit meinem kontinuierlichen Kampf um Energie verbracht hatte. Ich hatte buchstäblich jeden Tag das Gefühl, mit halbvollem Energietank unterwegs zu sein – egal wie ausgeruht ich war. Mein Körper fühlte sich an als wäre er um 30 Jahre gealtert. Mein Hausarzt diagnostizierte Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie. Meine Onkologen erklärten mir, dass sich meine Neuropathiesymptome verbessert hatten. Es gab jedoch kaum Aussichten auf eine weitere Verbesserung. Ich weigerte mich, das zu akzeptieren und ging zu meinem „anderen Arzt“.

Meine Frau ist zufällig Neurologin. Sie hat häufig ältere Patienten, die einige Male an Krebs erkrankt waren. Manche von ihnen hatten dermaßen heftige Neuropathieprobleme, dass sie nicht mehr stehen oder laufen konnten. Ich war schockiert. Meine Frau ermutigt ihre Patienten, sich zu bewegen. Das fördert das neuerliche Wachstum und die Genesung des Nervensystems. Aber das ist ein langsamer Prozess, der sehr lange dauern kann. Nur wenige Patienten halten das durch. Ich jedoch schon.

In den darauffolgenden Jahren habe ich mich fast täglich an ein Programm mit körperlicher Bewegung gehalten. Ich lief oder rannte. Oder ich tat, was mir an dem jeweiligen Tag möglich war. Ich habe nicht mehr mit meinen Kollegen zu Mittag gegessen. Das war nämlich genau der Zeitpunkt des Tages, an dem ich mich wirklich bewegen und herausfordern konnte. Morgens brauchte ich meine gesamte Energie, um in die Gänge zu kommen und abends war ich einfach zu müde, um mich noch sportlich zu betätigen. Meine Fortschritte, sofern man sie so nennen kann, haben auf sich warten lassen. Es schien auf Nichts hinauszulaufen. Trotzdem war ich über jedes kleine bisschen Kraft und Kondition sehr glücklich. Ganz oft wollte ich einfach aufgeben. Aber durch die Bewegung fühlte ich mich immer besser. Und ich wollte ganz einfach nicht den Rest meines Lebens als alter Mann verbringen. Ich war ein wildentschlossener Skorpion mit einer Mission.

Einige Tipps. Dein Körper ist im Kampf gegen den Krebs durch die Hölle gegangen. Höre jetzt auf Deinen Körper und gib ihm die Ruhe, die er braucht. Respektiere seine Grenzen, versuche sie aber behutsam zu erweitern. Geduld und Ausdauer sind ganz wichtig. Gib nie auf, verliere die Hoffnung nicht und suche Dir die Unterstützung, die Du brauchst. Vor allem andere ehemalige Krebspatienten wissen genau, was Du durchmachst. Unterschätze niemals die Kraft des Körpers, zu gesunden und zu regenerieren. Der Körper hat erstaunliche Kapazitäten. Er braucht aber auf jeden Fall Unterstützung und Ermunterung! Gib ihm beides. Höre vor allem niemals auf, an Dich selbst zu glauben.

Ich schaffte es sehr lange nicht mehr, einige Laufrunden um den Block zu drehen ohne ab und zu eine Pause zu machen. Bis es mir eines Tages doch gelang. Ich konnte 5 Kilometer nicht mehr in weniger als 30 Minuten joggen. Bis es mir eines Tages doch gelang! Ich konnte das nicht konsequent tun bis ich es sehr wohl wieder konnte. Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass ich 5 Tage in der Woche stramm trainieren würde und mich jeden Tag energiegeladen fühlen würde bis heute! Diese Fortschritte haben nicht wie bei normalen Menschen Monate, sondern Jahre gedauert. Und vielleicht hätte ich es nie geschafft, wenn ich aufgehört hätte an mich zu glauben und nicht mehr trainiert hätte.

Am 1. April 2015 konnte ich zum ersten Mal wieder 5 Kilometer unter 30 Minuten laufen. Das hat zwei Jahre gedauert. Ich habe vor Freude geheult. Die schwere Belastung der tumorbedingten Fatigue war vorbei und machte einer körperlichen Freiheit und Energie Platz, die ich jahrelang nicht hatte.

Fünf Jahre nach meiner Krebsdiagnose, hartem Joggingtraining und endlosen Besuchen im Fitnessstudio fühlte ich mich endlich 30 Jahre jünger. Ich habe wieder alle Energie, die ich brauche. Ich habe mich über einige dieser Meilensteine so gefreut, dass ich in Tränen ausbrach – beispielsweise bei so einfachen Dingen, dass ich meine Kinder laufend das Fahrradfahren beibringen konnte nach einem Tag, an dem viel los war. Ich sehe deutlich, dass mein Körper jetzt nach all den Jahren langsam aber sicher zu mir zurückkommt. Ich bin wirklich glücklich. Endlich habe ich meine mir zustehende Energie und mein Selbstvertrauen zurück, dass ich dem, was ich tun möchte, auch gewachsen bin. Gib niemals auf und höre vor allem niemals auf, an Dich selbst zu glauben. Krebs macht uns alle fix und fertig. Aber stehe immer wieder auf.

Ein energiegeladener Sonntagmorgen im Frühling 2016 nach einem Training im Fitnessstudio bei uns um die Ecke. Der Tag kann beginnen!

Steve Pake

StevePake.com